
Babylon ist bis heute ein Schimpfwort. Die »Hure Babylon« aus der Offenbarung des Johannes, die apokalyptische Metapher für alles Verruchte, Dekadente, Abzuschaffende. Im Rastafari steht Babylon für das System der Unterdrückung, in der Popkultur für verlorene Pracht. Ein Sammelbegriff für Sünde.
Nur: Die reale Stadt war etwas anderes. Sie hatte womöglich 200.000 Einwohner zu einer Zeit, als die meisten Siedlungen Europas aus ein paar Dutzend Hütten bestanden. Sie lag am Euphrat, 85 Kilometer südlich des heutigen Bagdad. Und ihre Hauptbeschäftigung war nicht Orgie, sondern Verwaltung.
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Ihr berühmtestes Bauwerk steht übrigens in Berlin. Das Ischtar-Tor, leuchtend blau glasiert, verziert mit Stieren und Drachen, empfängt Besucher im Pergamonmuseum in Berlin (wenn es denn geöffnet hätte …). Was von Babylon in Babylon selbst übrig ist, passt auf kaum eine Postkarte.
Inhaltsverzeichnis
Die Geschichte dieser Stadt umspannt mehr als zwei Jahrtausende. Zwei Weltreiche gingen von ihr aus. Das Altbabylonische Reich unter Hammurabi im 18. Jahrhundert vor Christus und das Neubabylonische Reich unter Nebukadnezar II. im 6. Jahrhundert vor Christus. Dazwischen lagen Eroberungen, Zerstörungen, Wiederaufbauten, Besatzungen, Deportationen. Babylon war nie eine Stadt, die einfach nur existierte. Sie wurde immer wieder neu erfunden.
Zeittafel: Babylon in zwei Jahrtausenden
| ca. 1894 v. Chr. | Gründung der altbabylonischen Dynastie durch Sumu-abum |
| 1792–1750 v. Chr. | Hammurabi regiert, Codex Hammurabi wird gemeißelt |
| 1595 v. Chr. | Plünderung durch die Hethiter, Ende des Altbabylonischen Reichs |
| 689 v. Chr. | Der assyrische König Sanherib zerstört Babylon samt Etemenanki |
| 626 v. Chr. | Nabopolassar gründet das Neubabylonische Reich |
| 605–562 v. Chr. | Nebukadnezar II. regiert, Blütezeit der Stadt |
| 586 v. Chr. | Zerstörung Jerusalems, Beginn des Babylonischen Exils |
| 539 v. Chr. | Kyros II. von Persien erobert Babylon kampflos |
| 331 v. Chr. | Alexander der Große zieht ein |
| 323 v. Chr. | Alexander stirbt im Palast Nebukadnezars |
| 141 v. Chr. | Parther übernehmen die Region, Babylon verliert seine letzte Bedeutung |
| 1. Jh. n. Chr. | Die Stadt ist weitgehend verlassen |
| 1899–1917 | Robert Koldewey gräbt das Ischtar-Tor aus |
| 2019 | Die Ruinen werden UNESCO-Weltkulturerbe |
Seit 2019 gehören die Ruinen zum UNESCO-Weltkulturerbe. Von den geschätzten zehn Quadratkilometern Stadtfläche sind bisher etwa 18 Prozent ausgegraben. Was unter der Erde liegt, ist weitgehend unbekannt.
Babylon unter Nebukadnezar II.
Die Blütezeit der Stadt fällt in die Regierungszeit Nebukadnezars II., der von 605 bis 562 vor Christus herrschte. In diesen vier Jahrzehnten verwandelte er Babylon in etwas, das die antike Welt so noch nicht gesehen hatte. Sein Reich erstreckte sich von der ägyptischen Grenze bis nach Persien, von der heutigen Südtürkei bis an den Rand der Arabischen Halbinsel. Ein Gebiet von der Größe Westeuropas, gesteuert aus einer einzigen Stadt.
Nebukadnezar war nicht nur Feldherr. Er war vor allem Bauherr. Paläste, Tempel, Befestigungsanlagen, Kanäle, Lagerhäuser, Hafenanlagen. Die Stadtmauer war so breit, dass angeblich zwei Viergespanne nebeneinander darauf fahren konnten. Der griechische Geschichtsschreiber Herodot, der Babylon im 5. Jahrhundert vor Christus besuchte, beschrieb die Mauern als Bauwerk, das alles übertraf, was er je gesehen hatte. Herodot neigte zur Übertreibung. Aber auch abzüglich seiner Begeisterung war das, was dort stand, gewaltig.
Nebukadnezar II. regierte das Neubabylonische Reich von 605 bis 562 v. Chr. Er machte Babylon zu einer der größten Städte der damaligen Welt und errichtete unter anderem das Ischtar-Tor und den Tempelturm Etemenanki.
Nebukadnezar ist auch der König, der Jerusalem zerstörte und die jüdische Bevölkerung nach Babylon deportierte. Das sogenannte Babylonische Exil (586 bis 538 v. Chr.) prägte die jüdische Religion und Kultur so tief, dass es bis heute in der Bibel nachwirkt. Im Buch Daniel ist Nebukadnezar eine zentrale Figur. Womöglich hat kein anderer antiker Herrscher die jüdische Geschichte so geformt wie er. Ausgerechnet derjenige, der den Tempel schleifen ließ.
Er war Eroberer, Bauherr und Propagandist in einer Person. Seine Inschriften auf Ziegeln, tausendfach gefunden, wiederholen eine Botschaft. Ich, Nebukadnezar, habe das gebaut. In Ton gepresst, gebrannt, signiert.
Das Ischtar-Tor und die Prozessionsstraße
Von allen Bauwerken Babylons ist das Ischtar-Tor das einzige, das man heute noch in annähernder Pracht sehen kann. Allerdings nicht im Irak, sondern in Berlin. Der deutsche Archäologe Robert Koldewey grub es zwischen 1899 und 1917 aus, ließ die glasierten Ziegel nummerieren, in Kisten verpacken und per Schiff nach Deutschland bringen. Seit 1930 steht eine Rekonstruktion im Pergamonmuseum.
Die Zahlen sind beeindruckend. Das Tor war 28 Meter breit und über 15 Meter hoch. Seine Mauern, sieben Meter dick, bestanden aus tiefblau glasierten Ziegeln, verziert mit Reliefs von Stieren und Mušḫuššu, schlangenartigen Mischwesen mit Schuppenkörper und Hörnern. Die Stiere standen für den Wettergott Adad, die Mischwesen für den Stadtgott Marduk. Löwen, Symbol der Göttin Ischtar, säumten die angrenzende Prozessionsstraße.
Diese Straße war 30 Meter breit und mit weißen und roten Steinplatten gepflastert. Einmal im Jahr, zum babylonischen Neujahrsfest im Frühling, wurde die goldene Statue des Marduk auf einem Tragegestell aus dem Tempel Esagila herausgetragen, durch das blaue Tor zur Stadt hinaus, in ein Festhaus jenseits der Mauern, dort elf Tage lang bewirtet, und am Ende zurück. Der Zug war eine Inszenierung von Macht und Religion, die tagelang dauerte. Der König musste vor der Statue niederknien und wurde zeremoniell geohrfeigt. Wenn ihm dabei die Tränen kamen, galt das als gutes Omen.
Das Blau der Glasuren entstand durch Kobalt- und Kupferoxide. Es sollte den Himmel Babyloniens spiegeln. Wer durch das Tor schritt, betrat eine Kulisse, die göttliche Ordnung sichtbar machen sollte. Und sehr wahrscheinlich auch die eigene Kleinheit vor der Majestät des Staates.
Der Turm zu Babel: Was davon übrig ist
Der biblische Turmbau zu Babel gehört zu den bekanntesten Erzählungen des Alten Testaments. Die Menschen bauen einen Turm bis in den Himmel, Gott verwirrt ihre Sprachen, das Projekt scheitert. Klar, den Provinzlern aus Judäa war die Vielfalt in der riesigen modernen Stadt fremd und unverständlich. Was die wenigsten wissen, es gab ein reales Bauwerk, das dieser Erzählung zugrunde liegt.
Die Zikkurat Etemenanki, sumerisch für »Haus des Himmelsfundaments auf der Erde« oder »Turm der Grundlegung von Himmel und Erde«, stand im heiligen Bezirk Babylons neben dem Haupttempel des Marduk. Ihre Grundfläche betrug nach Rekonstruktionen etwa 91 mal 91 Meter, ihre Höhe wird auf ebenfalls rund 91 Meter geschätzt. Ein fast perfekter Würfel, der in den Himmel wuchs. In sieben Stufen, nach Herodot in acht, aus luftgetrockneten Ziegeln im Kern und gebrannten Backsteinen an der Außenschale, mit farbigen Glasuren verziert. Wer die Stadt von weit her anritt, sah zuerst diesen Koloss am Horizont.
Die Fundamente wurden 1913 von Koldewey identifiziert. Mehr ist von dem Bauwerk nicht erhalten. Denn Alexander der Große, der 323 vor Christus in Babylon einzog und dort wenig später starb, ließ die Reste bis auf das Fundament abtragen. Er plante einen Neubau. Dazu kam es nicht mehr.
Der Turm wurde mehrfach zerstört und wiederaufgebaut. Er geht womöglich auf die altbabylonische Zeit zurück, wurde vom assyrischen König Sanherib 689 vor Christus zerstört und von Nebukadnezar wieder errichtet. Alexander riss ihn ab. Die Geschichte dieses Turms ist eine Geschichte des immer wieder Anfangens.
Die Hängenden Gärten: Ein Weltwunder, das es womöglich nie gab
Die Hängenden Gärten der Semiramis gelten als eines der Sieben Weltwunder der Antike. Man stellt sich das so vor: Terrassen, übereinander getürmt, aus den Balkonen wächst Grün herunter, oben Palmen, Zypressen, Feigenbäume. Wasser läuft den Berg hinauf, von unsichtbarer Hand in die Höhe gepumpt. Ein künstlicher Dschungel mitten in der Wüste, sichtbar von den Mauern aus. Ein Statement gegen alle Ökonomie.
Das Problem: Kein archäologischer Fund belegt ihre Existenz. Kein babylonischer Text erwähnt sie. Kein Keilschrift-Dokument aus der Zeit Nebukadnezars, dem angeblichen Erbauer, spricht von diesem Bauwerk.
Herodot bereiste Babylon ausführlich und beschrieb Mauern, Tempel, die Stadtanlage. Über Gärten? Kein Wort. Erst rund 300 Jahre später tauchen die Hängenden Gärten in griechischen Quellen auf. Die Legende besagt, Nebukadnezar habe sie für seine Frau Amytis errichten lassen, eine medische Prinzessin, die sich nach der grünen Berglandschaft ihrer Heimat sehnte. Rührend. Nur ist eine Prinzessin namens Amytis in den gut dokumentierten Ehefrauen Nebukadnezars nicht zu finden.
Die Archäologie ist nicht weniger ernüchternd. Seit über 150 Jahren wird in Babylon gegraben. Nebukadnezars Paläste wurden freigelegt, die Fundamente des Turms, das Straßennetz, Kanäle, Brunnenschächte. Von terrassierten Gärten mit komplexer Bewässerung: nichts.
Eine plausible Theorie stammt von der Altorientalistin Stephanie Dalley von der Universität Oxford. Sie argumentiert, dass die Berichte der Hängenden Gärten eigentlich die Gartenanlagen des assyrischen Königs Sanherib in Ninive beschreiben. Ninive liegt fast 500 Kilometer nördlich von Babylon. Antike Autoren verwechselten die beiden Städte nicht ganz zufällig. Beide galten als Zentren mesopotamischer Macht, und wer nie dort war, musste sich auf Hörensagen verlassen.
Ob es die Gärten gab oder nicht, ihre Wirkung auf die Vorstellungskraft war real. Und ist es bis heute.
Codex Hammurabi: Das Recht, in Stein gemeißelt
Bevor Babylon eine Weltstadt wurde, war es bereits ein juristischer Meilenstein. König Hammurabi, der um 1792 bis 1750 vor Christus regierte, ließ eine Sammlung von 282 Rechtssätzen auf eine über zwei Meter hohe Stele aus schwarzem Diorit meißeln. Der Codex Hammurabi ist nicht das älteste Gesetzeswerk der Menschheit, wie oft behauptet wird. Der Codex Ur-Nammu ist rund 300 Jahre älter. Aber er ist das am besten erhaltene und das bekannteste.
Der Codex Hammurabi ist eine babylonische Sammlung von 282 Rechtssätzen aus dem 18. Jahrhundert v. Chr. Die Stele steht heute im Louvre in Paris und regelt unter anderem Handels-, Familien- und Eigentumsrecht.
Die Paragraphen regeln Handelsrecht, Familienrecht, Eigentumsrecht, Sklaverei, Löhne und Preise. Das Prinzip der Vergeltung zieht sich durch viele Bestimmungen. Wer einem freien Mann ein Auge ausschlägt, dem wird das Auge ausgeschlagen. Wer einen Knochen bricht, dem wird der Knochen gebrochen. Wer einen Sklaven verletzt, zahlt Schadenersatz. Das Recht war nicht gleich für alle. Es unterschied nach sozialer Stellung, und es tat das offen.
Hammurabi und Nebukadnezar im Vergleich
| Hammurabi | Nebukadnezar II. | |
|---|---|---|
| Regierungszeit | 1792–1750 v. Chr. | 605–562 v. Chr. |
| Reich | Altbabylonisches Reich | Neubabylonisches Reich |
| Abstand | Zwischen beiden liegen rund 1150 Jahre | |
| Bekannt für | Kodifizierung des Rechts | Bauprogramm und Eroberungen |
| Hauptwerk | Codex Hammurabi | Ischtar-Tor und Etemenanki |
| Außenpolitik | Eroberung Mesopotamiens | Zerstörung Jerusalems, Babylonisches Exil |
| Hinterlassenschaft | Stele im Louvre (Paris) | Ischtar-Tor im Pergamonmuseum (Berlin) |
| Ende | Natürlicher Tod, sein Reich zerfiel unter den Nachfolgern | Natürlicher Tod, sein Reich fiel 23 Jahre später an die Perser |
Die Stele wurde 1901 bei Ausgrabungen in Susa (im heutigen Iran) gefunden, wohin sie als Kriegsbeute verschleppt worden war. Heute steht sie im Louvre in Paris. Sie zeigt im oberen Teil Hammurabi vor dem Sonnengott Schamasch, dem Gott der Gerechtigkeit. Die Botschaft ist unmissverständlich. Diese Gesetze kommen von oben. Wer sich beschweren will, muss sich nicht beim König beschweren.
Was Babylon der Welt hinterlassen hat
Babylons Vermächtnis reicht weit über Architektur und Recht hinaus. Die babylonischen Gelehrten entwickelten ein Sexagesimalsystem, ein Zahlensystem auf der Basis 60. Das klingt abstrakt, ist aber allgegenwärtig. Deshalb hat eine Stunde 60 Minuten, eine Minute 60 Sekunden und ein Kreis 360 Grad. Wer heute auf die Uhr schaut, schaut nach Babylon.
In der Astronomie gehörten die Babylonier zu den fortschrittlichsten Kulturen der Antike. Sie dokumentierten Mondfinsternisse, berechneten Planetenlaufbahnen und entwickelten Kalender, die erstaunlich präzise waren. Griechische Wissenschaftler wie Hipparchos und Ptolemäus griffen später auf babylonische Beobachtungsdaten zurück. Jahrhundertealt, und trotzdem besser als ihre eigenen.
Dann die Schrift. Die Keilschrift, die in Babylon zur Blüte kam, ist eines der ältesten Schriftsysteme der Menschheit. Sie wurde mit einem zugeschnittenen Schilfgriffel in feuchte Tontafeln gedrückt, die dann trockneten oder gebrannt wurden. Hunderttausende solcher Tafeln sind erhalten. Sie enthalten Verwaltungstexte, Briefe, literarische Werke, mathematische Berechnungen, astronomische Beobachtungen, Schulaufgaben, Verträge, Rezepte. Die Bibliothek von Alexandria mag berühmter sein, aber die babylonischen Tontafel-Archive sind älter und in mancher Hinsicht besser erhalten. Ton brennt nicht.
Das Ende und was davon blieb
539 vor Christus marschierte der Perserkönig Kyros II. in Babylon ein. Kampflos, wenn man den persischen Quellen glaubt. Die Stadt wurde nicht zerstört, aber sie verlor ihre Rolle als Hauptstadt. Unter den Persern blieb sie eine bedeutende Provinzstadt. Alexander der Große plante, sie zum Zentrum seines Weltreichs zu machen. Er starb dort am 10. Juni 323 vor Christus, mit 32 Jahren, in einem der Paläste Nebukadnezars. In der Stadt, die er gerade zu seiner Hauptstadt machen wollte, neben dem Turm, den er hatte abreißen lassen, bevor er neu bauen konnte.
Danach ging es langsam bergab. Die Seleukiden, Alexanders Nachfolger in Mesopotamien, gründeten eine neue Hauptstadt am Tigris: Seleukia. Babylon verlor Einwohner, Bedeutung, schließlich seine Gebäude. Die Ziegel wurden als Baumaterial für umliegende Siedlungen abtransportiert. Was aus ägyptischen Pyramiden nie geworden ist, wurde aus Babylon: Steinbruch. Im 1. Jahrhundert nach Christus war die Stadt weitgehend verlassen.
Was blieb, war der Name. Babylon wurde zum Synonym für Größe, Dekadenz und Untergang, zum rhetorischen Werkzeug für jeden, der über eine fremde Macht schimpfen wollte. Die Hure in der Offenbarung. Das System im Rastafari. Die verlorene Pracht im Kino.
Die reale Stadt war nüchterner. Sie funktionierte. Sie hatte ein Rechtssystem, eine Verwaltung, eine Wissenschaftstradition und eine Infrastruktur, die eine ganze Region ernährte. Nicht wegen des Rausches, sondern trotz seiner. Wer Babylon verstehen will, sollte nicht in die Offenbarung schauen, sondern auf die Tontafeln. Dort stehen Rechnungen. (lk)