
Verrückte römische Kaiser klingt nach Quiz-Abend. Caligula der irre Pferdefreund, Nero der Brandstifter, Commodus der Gladiator. Alles bekannt, gruselig, gut erzählt. Was seltener erwähnt wird: Fast alle diese Geschichten haben dieselbe Quelle. Und die war selten neutral.
| Kaiser | Regierungszeit | Berüchtigt für |
|---|---|---|
| Tiberius | 14–37 n. Chr. | Rückzug nach Capri, Paranoia, Sejan |
| Caligula | 37–41 n. Chr. | Incitatus, Gotteswahn, Willkürherrschaft |
| Nero | 54–68 n. Chr. | Mord an Agrippina, Brand Roms, Sporus |
| Domitian | 81–96 n. Chr. | Senatorenverfolgung, Selbstvergottung |
| Commodus | 180–192 n. Chr. | Gladiatorenkämpfe, Herkules-Identität |
| Caracalla | 198–217 n. Chr. | Brudermord, Massaker von Alexandria |
| Elagabal | 218–222 n. Chr. | Sonnenkult, Umsturz der Staatsreligion |
| Maximinus Thrax | 235–238 n. Chr. | Militärdespotie, nie in Rom gewesen |
| Vitellius | 69 n. Chr. | Völlerei, Staatsbankrott durch Gelage |
Tiberius und der Rückzug nach Capri
Tiberius regierte von 14 bis 37 n. Chr., insgesamt 23 Jahre. Er war ein fähiger Feldherr, ein erfahrener Verwalter und vermutlich der unglücklichste Mann auf dem Thron. Augustus hatte ihn als Nachfolger adoptiert, nachdem alle bevorzugten Kandidaten gestorben waren. Tiberius wusste das. Der Senat wusste es auch.
Lerne die Bildungssprache! Das praktische Handbuch schlauer Wörter unterstützt dich mit über 1.600 durchdachten Einträgen. Besser verstehen und klüger schreiben. Verständliche Erläuterungen und lebensnahe Beispiele erleichtern das Einprägen. Jetzt ansehen
Die ersten Jahre liefen halbwegs. Dann zog er sich 26 n. Chr. auf die Insel Capri zurück und betrat Rom nie wieder. Die Regierung überließ er seinem Prätorianerpräfekten Sejan, einem Mann, der Intrigen wie andere Leute Briefmarken sammelten. Sejan ließ Senatoren anklagen, Verwandte des Kaisers einkerkern und sich selbst zum eigentlichen Machthaber aufbauen. Bis Tiberius ihn 31 n. Chr. stürzen und hinrichten ließ.
Was auf Capri geschah, beschreibt Sueton in seiner Tiberius-Biografie mit einer Ausführlichkeit, die wenig der Phantasie überlässt. Der Kaiser soll sich mit Gruppen junger Prostituierter umgeben haben, die er Spintriae nannte. Kinder sollen als verkleidete Nymphen und Pane in Grotten aufgetreten sein. Die Römer nannten Capri angeblich das »Ziegennest«, ein Wortspiel mit dem Inselnamen.
Moderne Historiker sind skeptisch. Die Berichte über Capri stammen von Autoren, die unter späteren Kaisern schrieben und kein Interesse an einer milden Darstellung hatten. Antike Porträts zeigen einen müden, verhärmten Mann. Plausibel ist: Tiberius war verbittert, misstrauisch und des Senats müde. Ob er ein Monster war oder nur ein depressiver Autokrat, der die falschen Leute um sich versammelte, lässt sich aus den Quellen nicht ganz klären.
37 n. Chr. starb er auf dem Festland. Das Volk feierte. Sueton berichtet, man habe gerufen: »Tiberius in den Tiber!«
Caligula und das Pferd, das Konsul werden sollte
Gaius Julius Caesar Augustus Germanicus regierte von 37 bis 41 n. Chr. Weniger als vier Jahre. Genug für die Ewigkeit.
Die Pferd-Geschichte kennt jeder: Incitatus, Caligulas Lieblingspferd, soll im Elfenbeinstall gewohnt, purpurne Decken getragen und Gäste zu Festmählern eingeladen haben. Dass Caligula ihn zum Konsul machen wollte, berichtet Sueton in seiner Kaiserbiografie. Die Frage ist nur: Was meinte er damit wirklich?
Moderne Historiker lesen die Episode eher als kalkulierten Affront. Caligula verstand sich mit dem Senat wie Feuer mit Wasser. Das Pferd wäre, wenn die Deutung stimmt, keine Laune gewesen, sondern eine öffentliche Demütigung: Ihr seid weniger wert als mein Tier. Womöglich hatte er nicht Unrecht, zumindest was den Senat betrifft.
Was gut dokumentiert ist: Caligula ließ Senatoren erniedrigen, ordnete willkürliche Hinrichtungen an und erklärte sich zum lebenden Gott. Er ließ sich in einem Tempel auf dem Palatin verehren. Sueton berichtet außerdem von Inzest mit seinen Schwestern, insbesondere mit Drusilla, die er nach ihrem Tod zur Göttin erklären ließ. Ob die Inzest-Vorwürfe stimmen oder zur üblichen Diffamierung gestürzter Kaiser gehören, bleibt offen. Das Muster jedenfalls wiederholt sich: Sexuelle Verfehlungen waren ein Standardvorwurf der römischen Geschichtsschreibung gegen unliebsame Herrscher.
41 n. Chr. ermordeten ihn seine eigenen Prätorianer. Er war 28 Jahre alt.
Was hat Nero wirklich getan?
Nero regierte von 54 bis 68 n. Chr. 14 Jahre. Er war kein Versager. Nach allem, was wir wissen, war er ein talentierter Redner, ein begeisterter Musiker und in seinen frühen Jahren ein fähiger Verwalter.
Dann ließ er seine Mutter umbringen.
Agrippina die Jüngere, Schwester von Caligula, hatte Nero auf den Thron manövriert. 59 n. Chr. ließ er sie ermorden, nach mehreren missglückten Versuchen, unter anderem mit einem eigens präparierten Schiff, das beim Ablegen auseinanderfallen sollte. Agrippina schwamm ans Ufer. Sie wurde dann erschlagen.
Den Brand Roms 64 n. Chr. hat er nach aktuellem Forschungsstand nicht gelegt. Die Universität Osnabrück hat die Quellenlage 2023 aufgearbeitet: Das Feuer brach vermutlich zufällig aus, und die Gerüchte über Nero als Brandstifter entstanden nachher. Tacitus schrieb dazu etwa fünfzig Jahre nach dem Ereignis: »Darauf ereignete sich ein Unglück, ob durch Zufall oder des Kaisers Hinterlist veranlaßt, ist ungewiß.« Offen lassen ist auch eine Aussage.
Die Geschichte, die weniger bekannt ist und die Nero am besten charakterisiert, handelt von Sporus. Nach dem Tod seiner Frau Poppaea Sabina 65 n. Chr. ließ Nero einen jungen Freigelassenen kastrieren, der ihr ähnlich sah, und heiratete ihn in einer öffentlichen Zeremonie nach griechischem Brauch. Sporus trug fortan die Kleidung und den Schmuck einer Kaiserin. Sueton und Cassius Dio berichten übereinstimmend davon. Ein römischer Witzling bemerkte laut Sueton, es wäre für die Menschheit besser gewesen, wenn Neros Vater eine solche Gemahlin gehabt hätte. Nach Neros Tod 68 n. Chr. wurde Sporus nacheinander von zwei weiteren Machthabern als symbolische »Kaiserin« beansprucht, bevor er sich das Leben nahm.
68 n. Chr. erklärten ihn Senat und Heer zum Staatsfeind. Er floh und brachte sich selbst um. Sein letzter überlieferter Satz bei Sueton: »Qualis artifex pereo.« Was für ein Künstler stirbt mit mir.
Domitian und die Herrschaft der Angst
Domitian regierte von 81 bis 96 n. Chr., fünfzehn Jahre lang. Er verlangte, mit »Herr und Gott« angesprochen zu werden, ließ Senatoren hinrichten und verbannte Philosophen aus Rom. Die Parallelen zu Caligula sind offensichtlich, aber Domitian war konsequenter.
Er ließ die Wände seiner Palasthallen mit poliertem Mondstein verkleiden, damit er jeden sehen konnte, der sich von hinten näherte. Das ist keine Anekdote, sondern Politik: Er vertraute niemandem. Die letzten Jahre seiner Herrschaft waren geprägt von Prozessen wegen Hochverrats, bei denen Denunzianten belohnt und Angeklagte selten freigesprochen wurden. Wer die Weisheiten der alten Römer kennt, weiß, dass Plinius der Jüngere seinen Panegyrikus auf Trajan im Kern als Anklage gegen Domitian schrieb.
Plinius nannte ihn nach seinem Tod ein Monster. Vor seinem Tod applaudierte er bei jeder Gelegenheit.
96 n. Chr. ermordeten ihn Mitglieder seines Hofstaats. Der Senat ordnete die damnatio memoriae an: Sein Name wurde aus Inschriften gemeißelt, seine Statuen zerstört. Die Nachwelt sollte vergessen, dass er existiert hatte. Hat nicht ganz funktioniert.
Commodus, der Kaiser in der Arena
Marc Aurel gilt als der ideale Kaiser. Philosoph, Feldherr, Stoiker. Sein Sohn Commodus war das Gegenteil. Wer die bedeutendsten Römer der Geschichte kennt, weiß: Commodus taucht dort auf, aber nicht auf den vorderen Plätzen.
Commodus kämpfte in der Arena. Das ist durch mehrere unabhängige Quellen belegt, kein Gerücht. Er ließ Tiere vorher schwächen und trat gegen menschliche Gegner mit stumpfen Waffen an. Er gewann jeden Kampf. Der Senat zählte seine Siege mit und applaudierte.
Nebenbei benannte er Rom in »Colonia Commodiana« um, die Monate nach sich selbst und das Volk in »Commodiani«. Er ließ sich als Herkules darstellen, mit Löwenfell und Keule. Statuen im Kapitolinischen Museum zeigen ihn so. Die Kolossalität des Projekts ist beeindruckend. Die Nüchternheit dahinter womöglich auch: Er wollte mehr sein als Kaiser. Er wollte Legende sein.
Am 31. Dezember 192 n. Chr. erwürgte ihn sein Trainingspartner Narcissus in der Badewanne.
Caracalla und das Massaker als Regierungsinstrument
Caracalla regierte von 198 bis 217 n. Chr., zunächst gemeinsam mit seinem Vater Septimius Severus, dann mit seinem Bruder Geta. Die gemeinsame Herrschaft der Brüder dauerte weniger als ein Jahr. Caracalla ließ Geta 211 n. Chr. in den Armen ihrer Mutter Julia Domna ermorden und anschließend etwa 20.000 vermeintliche Anhänger des Bruders hinrichten. Die Zahl stammt von Cassius Dio und ist womöglich übertrieben. Aber selbst wenn es halb so viele waren.
Sein Vater Septimius Severus hatte den Söhnen auf dem Sterbebett geraten: Seid einig, bereichert die Soldaten und verachtet alle anderen. Caracalla befolgte zwei der drei Ratschläge konsequent.
215 n. Chr. ordnete er das Massaker von Alexandria an. Die Einwohner hatten Spottverse über ihn verfasst. Caracalla lud die jungen Männer der Stadt zu einer Musterung ein und ließ die Versammelten niedermetzeln. Die genaue Opferzahl ist unbekannt.
Trotzdem erließ er 212 n. Chr. die Constitutio Antoniniana, die allen freien Bewohnern des Reichs das römische Bürgerrecht verlieh. Der Beweggrund war plausibel: Mehr Bürger bedeuteten mehr Steuerpflichtige. Aber das Ergebnis war eine der folgenreichsten Rechtsreformen der Antike.
Einer seiner Soldaten tötete ihn 217 n. Chr. auf dem Weg zur Toilette. Geschichte ist gelegentlich sehr direkt.
Elagabal, der Teenager mit dem Sonnengott
218 n. Chr. wurde ein 14-Jähriger Kaiser von Rom. Elagabal, eigentlich Varius Avitus Bassianus, stammte aus Emesa in Syrien und war Sohn einer der mächtigsten Frauen des Reichs.
Er brachte einen schwarzen Stein aus Syrien mit, den Kultstein des Sonnengottes Elagabal. Dieser Stein wurde im neu erbauten Elagabalium auf dem Palatin verehrt und den traditionellen Staatsgöttern Roms, Jupiter an der Spitze, offiziell übergeordnet. Das war in Rom ungefähr so beliebt wie ein Staatsgast, der beim Empfang die Nationalhymne des Gastgebers überspielt.
Die Historia Augusta berichtet, Elagabal habe bei einem Festmahl Gäste mit so vielen Rosenblättern überschütten lassen, dass einige darunter erstickten. Die Szene wurde im 19. Jahrhundert von Lawrence Alma-Tadema gemalt und gehört zu den ikonischen Bildern des kaiserlichen Exzesses. Ob sie stimmt, ist eine andere Frage. Die Historia Augusta mischt Fakten mit Erfindungen so geschickt, dass selbst Spezialisten oft nicht unterscheiden können, wo das eine aufhört und das andere anfängt.
Vier Jahre lang regierte er. 222 n. Chr. ermordeten ihn die Prätorianer. Seine Leiche wurde in den Tiber geworfen.
Die Berichte über seine sexuellen Ausschweifungen stammen fast ausschließlich aus der Historia Augusta, einer Quelle, deren Zuverlässigkeit Historiker heute erheblich anzweifeln. Der Historiker Martijn Icks hat das aufgezeigt: Es war Elagabals Religionspolitik, die für seine posthume Verdammung sorgte. Alles andere kam nachher dazu.
Welche verrückten römischen Kaiser fehlen noch?
Die Liste ließe sich fortsetzen. Drei weitere Kandidaten verdienen zumindest eine Erwähnung.
Vitellius regierte 69 n. Chr. nur wenige Monate im sogenannten Vierkaiserjahr. Sein Ruf als kaiserlicher Vielfraß ist gründlich überliefert. Er soll vier Gelage pro Tag abgehalten und die Staatskasse allein durch seine Bankette ruiniert haben. Sein berühmtestes Gericht, die »Schild der Minerva«, soll aus Hechtlebern, Fasanengehirnen und Papageienzungen bestanden haben. Die Zutaten wurden aus dem gesamten Reich herbeigeschafft. Sueton berichtet das mit einer Mischung aus Ekel und Faszination.
Maximinus Thrax (235 bis 238 n. Chr.) war der erste Soldatenkaiser, der nie dem Senat angehört hatte. Die Quellen beschreiben ihn als Riesen, über zwei Meter groß, der angeblich nie das Senatsdekret über seine Ernennung unterzeichnete, weil er des Lesens nicht mächtig war. Er betrat Rom während seiner gesamten Regierungszeit nicht. Ob er tatsächlich Analphabet war oder ob das zur üblichen Verachtung des Senats gegenüber Kaisern ohne standesgemäße Herkunft gehört, ist nicht ganz sicher. Sicher ist: Mit ihm begann die Reichskrise des 3. Jahrhunderts. Zwischen 235 und 284 n. Chr. amtierten über zwanzig Kaiser, die meisten davon weniger als zwei Jahre. Wer Roms gefährlichste Feinde sucht, findet sie in dieser Zeit auch im Inneren des Reichs.
Gallienus hielt 15 Jahre lang ein fragmentiertes Reich zusammen, während an allen Fronten Usurpatoren auftauchten. Er war womöglich der fähigste Kaiser dieser Epoche. Aber fähig und verrückt schließen sich in Rom nicht aus.
Verrückte römische Kaiser und der Cäsarenwahn
Der Cäsarenwahn beschreibt Größenwahn und Paranoia, die mehreren römischen Kaisern zugeschrieben werden. Der Begriff entstand nicht in der Antike, sondern wurde im 19. Jahrhundert populär, als der Historiker Ludwig Quidde eine Caligula-Studie veröffentlichte, die tatsächlich Kaiser Wilhelm II. meinte. Heute gilt er unter Althistorikern als literarischer Topos, nicht als psychiatrische Diagnose.
Fast alles, was wir über die angeblich verrückten Kaiser wissen, stammt von Historikern, die nach ihrem Tod schrieben, oft Jahrzehnte später, oft unter Herrschern, die eine scharfe Abgrenzung von ihren Vorgängern brauchten oder wollten. Sueton, Cassius Dio, die Historia Augusta: Sie alle hatten Gründe, bestimmte Kaiser schwärzer zu malen als andere.
Die Historia Augusta ist eine Sammlung von Kaiserbiografien, die angeblich von sechs verschiedenen Autoren im späten 3. und frühen 4. Jahrhundert verfasst wurde. Heute gehen die meisten Historiker davon aus, dass ein einziger Autor im späten 4. Jahrhundert das gesamte Werk geschrieben hat. Die Biografien mischen historische Fakten mit offensichtlichen Erfindungen, gefälschten Dokumenten und fiktiven Quellen.
Das heißt nicht, dass diese Männer harmlos waren. Morde, Willkür, religiöser Fanatismus sind dokumentiert. Aber ob ein Kaiser, der seinen Senat demütigt und sich als Gott inszeniert, psychiatrisch krank war oder schlicht rücksichtslos in einem System ohne Bremsen, ist eine andere Frage. Das System des Prinzipats kannte keine unabhängige Justiz, keine freie Presse, keine Opposition mit Rechten. Ein Kaiser konnte tun, was er wollte, solange die Prätorianer und das Heer ihn stützten. Dass manche unter diesen Bedingungen die Kontrolle verloren, ist weniger überraschend als die Tatsache, dass andere es nicht taten. Wer die grausamen Tode der griechischen Mythologie kennt, weiß: Die Antike hatte ein anderes Verhältnis zu Gewalt als wir. Im Kern erzeugte das System die Exzesse, nicht umgekehrt.
Wer sie kennen will, liest sie am besten dort, wo sie überliefert sind. Bei Sueton, bei Tacitus, bei Cassius Dio. Mit einer Portion Skepsis. Und dem Bewusstsein, dass Historiker immer auch Zeitgenossen sind. (lk)