Pyrrhussieg — jede Schlacht gewonnen, am Ende alles verloren

Pyrrhussieg — jede Schlacht gewonnen, am Ende alles verloren

Pyrrhos von Epirus gewann jede Schlacht, die er gegen die Römer führte. Jede einzelne. Und genau das ruinierte ihn. Er kam mit Elefanten, mit einer der besten Armeen der hellenistischen Welt, mit dem Ehrgeiz eines Mannes, der sich für den Erben Alexanders hielt. Er besiegte die Legionen bei Heraclea und bei Asculum. Dann ging er nach Hause. Mit weniger Soldaten, weniger Verbündeten und einem Namen, der bis heute für die teuerste Form des Erfolgs steht.

Ein König auf der Flucht

Pyrrhos stammte aus dem Königshaus der Aiakiden in Epirus, einer Region im Nordwesten Griechenlands, die für den Rest der griechischen Welt ungefähr so bedeutend war wie eine Fußnote. Sein Verwandtschaftsgrad zu Alexander dem Großen war entfernt genug, um keine Thronansprüche zu begründen, aber nah genug, um als Visitenkarte zu dienen. Olympias, Alexanders Mutter, war eine epirotische Prinzessin.

Mit dreizehn wurde er König. Mit siebzehn war er es nicht mehr.

Kassander, einer der Diadochen, sorgte dafür. Pyrrhos floh, kämpfte in der Welt der Nachfolgekriege Alexanders mit und landete schließlich als eine Art Pfand am Hof Ptolemaios‘ I. in Ägypten. Dort lernte er zwei Dinge, die sein Leben bestimmen sollten. Wie man ein Heer führt. Und wie man Verbündete gewinnt, die man später nicht mehr loswird.

Zeittafel: Pyrrhos auf einen Blick
319/318 v. Chr.Geburt als Sohn des Molosserkönigs Aiakides in Epirus
306 v. Chr.Wird mit dreizehn Jahren König von Epirus
302 v. Chr.Gestürzt und ins Exil gezwungen
297 v. Chr.Rückkehr auf den Thron mit Hilfe Ptolemaios‘ I.
280 v. Chr.Überfahrt nach Italien, Sieg bei Heraclea
279 v. Chr.Sieg bei Asculum, der berühmte Satz
278–276 v. Chr.Feldzug auf Sizilien gegen Karthago
275 v. Chr.Niederlage bei Beneventum, Rückkehr nach Epirus
272 v. Chr.Tod in Argos durch einen Dachziegelwurf

297 v. Chr. setzte Ptolemaios ihn wieder auf den Thron von Epirus. Pyrrhos war neunundzwanzig, hatte nichts als ein kleines Königreich und großen Ehrgeiz. Hannibal soll ihn später für den gefährlichsten Feldherrn nach Alexander gehalten haben. Ob das stimmt, ist schwer zu sagen. Aber Plutarch fand den Vergleich plausibel genug, um ihn aufzuschreiben.

20 Elefanten, die Rom das Fürchten lehrten

280 v. Chr. rief Tarent um Hilfe. Die griechische Kolonie in Süditalien lag im Krieg mit Rom, und Pyrrhos sah seine Chance. Er übersetzte mit rund 25.000 Mann und 20 Kriegselefanten nach Italien. Die Truppen waren erstklassig, geschult in der makedonischen Phalanxtaktik, die seit Alexander als unschlagbar galt.

Die Römer hatten noch nie einen Elefanten gesehen.

Bei Heraclea im Sommer 280 v. Chr. trafen die beiden Armeen aufeinander, und der römische Konsul Publius Valerius Laevinus stellte fest, dass seine Kavallerie sich weigerte, gegen die grauen Kolosse zu reiten. Pyrrhos schickte die Elefanten in die Lücken der römischen Linie. Die Pferde scheuten, die Formation brach zusammen, und Rom verlor die Schlacht.

Aber Pyrrhos verlor etwas anderes. Plutarch berichtet, gestützt auf den Historiker Hieronymus von Kardia, dass Pyrrhos rund 4.000 seiner besten Leute verlor. Darunter etliche Offiziere, die sich nicht ersetzen ließen. Roms Verluste lagen bei 7.000 Mann. Der Unterschied war schlicht, dass Rom Nachschub hatte. Pyrrhos nicht.

Nach der Schlacht soll er durch das Schlachtfeld geritten sein und bemerkt haben, dass die römischen Toten alle ihre Wunden vorn trugen. Keiner war geflohen. Für einen Mann, der die griechische Kriegsführung kannte und die Tradition von Thermopylen, war das ein unerwartetes Signal. Diese Römer waren anders.

Was ein Pyrrhussieg wirklich bedeutet

Ein Pyrrhussieg ist ein Sieg, der den Sieger mehr kostet, als er ihm bringt. Der Begriff geht auf König Pyrrhos von Epirus zurück, der 279 v. Chr. nach seinem zweiten Sieg über die Römer gesagt haben soll: »Noch so ein Sieg, und wir sind verloren.«

Ein Jahr später, bei Asculum 279 v. Chr., wiederholte sich das Muster. Pyrrhos gewann. Wieder. Diesmal verlor er 3.500 Mann und fast alle seine verbliebenen Offiziere. Die Römer verloren 6.000, mobilisierten aber schon die nächsten Legionen, bevor das Schlachtfeld geräumt war.

Pyrrhos Verluste im Vergleich – Schlachten bei Heraclea und Asculum

Plutarch überliefert den Satz, der Pyrrhos unsterblich machte. Als Gratulanten ihm zum Sieg beglückwünschten, soll er geantwortet haben: »Noch so ein Sieg über die Römer, und wir sind vollständig verloren.«

Ob der Satz wörtlich so fiel, ist fragwürdig. Plutarch schrieb zweihundert Jahre später, und er liebte pointierte Zitate. Aber die Lage, die der Satz beschreibt, war real. Pyrrhos konnte seine Verluste nicht ersetzen. Jeder gefallene Offizier, jeder tote Elefant war unwiederbringlich. Rom hingegen stellte einfach neue Legionen auf. Das Wort »Pyrrhussieg« hat sich seitdem gehalten, weil es eine Erfahrung beschreibt, die jeder kennt. Im Kern die schlichteste Form des Scheiterns, weil sie als Erfolg verkleidet daherkommt.

Im Deutschen ist der Pyrrhussieg ein geflügeltes Wort. Der Duden definiert ihn als »zu teuer erkauften Erfolg«. Im Alltag taucht er auf, wenn Gerichtsverfahren gewonnen werden, die mehr kosten als der Streitwert. Oder wenn Unternehmen Konkurrenten übernehmen und dabei fast selbst untergehen. Die Römer von damals sind durch modernere Gegner ersetzt worden, aber das Muster bleibt.

Von Sizilien bis zum bitteren Ende

Statt die Sache in Italien zu Ende zu bringen, ließ sich Pyrrhos nach Sizilien locken. Syrakus bat um Hilfe gegen Karthago, und Pyrrhos sah die nächste Gelegenheit für Ruhm. 278 v. Chr. übersetzte er auf die Insel und war zunächst erfolgreich. Er eroberte fast die gesamte Westküste, belagerte die karthagische Festung Lilybaeum, scheiterte dort und machte sich bei den sizilischen Griechen unbeliebt. Die sahen in ihm zunehmend einen Besatzer statt einen Befreier.

276 v. Chr. kehrte er nach Italien zurück. Angeblich blickte er auf die Küste Siziliens und sagte zu seinen Begleitern: »Was für einen Ringplatz hinterlassen wir hier für Karthager und Römer.«

Er sollte recht behalten. Sechzig Jahre später würden die Punischen Kriege genau dort beginnen, und Hannibal würde mit seinen eigenen Elefanten nach Italien ziehen. Womöglich hätte Pyrrhos geschmunzelt.

275 v. Chr. traf er bei Beneventum ein letztes Mal auf die Römer. Diesmal hatte er Pech. Die Römer hatten gelernt, mit Elefanten umzugehen. Sie trieben die Tiere mit brennenden Fackeln in die eigenen Reihen. Pyrrhos verlor, zog ab und kehrte mit dem Rest seiner Armee nach Epirus zurück.

Sechs Jahre Feldzug. Drei gewonnene Schlachten. Am Ende stand er da, wo er angefangen hatte. Mit weniger Männern.

Pyrrhos und Hannibal im Vergleich
PyrrhosHannibal
Lebenszeit319–272 v. Chr.247–183 v. Chr.
HerkunftEpirus (Griechenland)Karthago (Nordafrika)
Kriegstier20 Elefanten nach Italien37 Elefanten über die Alpen
Siege gegen RomHeraclea, AsculumTrebia, Trasimenischer See, Cannae
Das ProblemKein Nachschub aus der HeimatKein Nachschub aus der Heimat
Ende in ItalienAbzug nach 6 JahrenAbzug nach 15 Jahren
TodDachziegel in ArgosGift im Exil

Ein Dachziegel in Argos

Pyrrhos konnte nicht stillhalten. 272 v. Chr. griff er den Peloponnes an, mischte sich in einen Machtkampf in Argos ein und zog mit seinen Truppen in die Stadt. Es wurde ein Straßenkampf, eng, chaotisch, ohne Schlachtordnung.

Der Mann, der die besten Generäle seiner Zeit geschlagen hatte, wurde von einer alten Frau erledigt. Sie warf ihm vom Dach einen Ziegel an den Kopf. Pyrrhos fiel vom Pferd, bewusstlos. Ein feindlicher Soldat namens Zopyros erkannte ihn und schlug ihm den Kopf ab.

Pyrrhos von Epirus (ca. 319–272 v. Chr.) war König der Molosser und Hegemon von Epirus. Er gilt als einer der fähigsten Feldherren der Antike, scheiterte aber daran, seine militärischen Siege in dauerhafte Eroberungen umzuwandeln. Sein Name lebt im Begriff »Pyrrhussieg« fort.

Plutarch schrieb über Pyrrhos, er habe immer das Nächste gewollt, bevor das Gegenwärtige gesichert war. Er habe Epirus aufgegeben, um Italien zu gewinnen. Italien aufgegeben, um Sizilien zu gewinnen. Sizilien aufgegeben, um nach Italien zurückzukehren. Und am Ende Griechenland aufgegeben, um in einer fremden Gasse zu sterben.

Das ist womöglich die kürzeste Zusammenfassung, die man für ein ganzes Leben finden kann. (lk)

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Der Autor

Sven Edmund Lennartz ist seit 25 Jahren Fachautor und Gründer mehrerer Online-Unternehmen, wie Dr. Web (Webdesign), Conterest (Bloggen), Sternenvogelreisen (Sprache) und Smashing Magazine (Webdesign & Entwicklung). Autorenhomepage

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