
Alexander der Große starb mit 32 Jahren in Babylon. Zu diesem Zeitpunkt herrschte er über ein Reich, das von Griechenland bis an den Rand Indiens reichte. Über fünf Millionen Quadratkilometer, erobert in kaum dreizehn Jahren. Er hatte die persische Großmacht zertrümmert, dutzende Städte gegründet und eine kulturelle Verschmelzung in Gang gesetzt, die drei Jahrhunderte prägen sollte. Und er hinterließ keinen Nachfolger.
Über sein Leben wissen wir erstaunlich viel und erschreckend wenig zugleich. Die wichtigsten Quellen, Arrian, Plutarch, Diodor, Curtius Rufus, schrieben Jahrhunderte nach seinem Tod, gestützt auf Berichte von Zeitzeugen, die längst verloren sind. Was bleibt, ist ein Mosaik aus Fakten, Legenden und offenen Fragen. Einige davon beantwortet die Forschung gerade neu.
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Inhaltsverzeichnis
Der Aufstieg
Alexander wurde 356 v. Chr. in Pella geboren, der Hauptstadt Makedoniens. Sein Vater Philipp II. hatte aus einem politischen Randstaat eine Militärmacht geformt, durch Goldvorkommen, Heeresreformen und eine Diplomatie, die vor Mördern nicht zurückschreckte. Seine Mutter Olympias, eine epirotische Prinzessin, förderte in ihrem Sohn den Glauben an eine göttliche Bestimmung.
Das Elternhaus war ehrgeizig, konfliktreich und auf Größe programmiert. Mit dreizehn bekam Alexander den Lehrer, den sich jeder Vater wünschen würde: Aristoteles. Drei Jahre lang unterrichtete ihn der Philosoph in Medizin, Naturwissenschaften, Literatur und Ethik. Alexander trug angeblich eine Ausgabe der Ilias stets bei sich und sah in Achilles sein Vorbild. Er wollte nicht nur herrschen. Er wollte unsterblich werden.
Als Philipp 336 v. Chr. ermordet wurde, war Alexander zwanzig. Die Thronfolge war alles andere als gesichert. Aufstände im Norden, Rebellion im Süden. Theben weigerte sich, seine Autorität anzuerkennen. Alexander ließ die Stadt schleifen und die Einwohner versklaven. Danach wagte niemand mehr den offenen Widerspruch.
Hammer und Amboss
Alexanders Erfolg auf dem Schlachtfeld war kein Glück. Es war System. Sein Vater hatte die makedonische Armee zur modernsten Streitmacht der antiken Welt umgebaut. Alexander perfektionierte sie.
Das makedonische Heer umfasste etwa 32.000 Infanteristen und 5.100 Kavalleristen. Das Herzstück war die Phalanx, ausgerüstet mit der Sarissa, einer bis zu sechs Meter langen Lanze. Die Spitzen der ersten fünf Glieder ragten über die Frontlinie hinaus. Kein Gegner kam nah genug heran, um Körperkontakt aufzunehmen. Dazu kam ein Tross aus Handwerkern, Schreibern, Köchen, Geographen und Wissenschaftlern. Alexander betrachtete seine Feldzüge auch als Expeditionen.
Die Taktik hieß Hammer und Amboss. Die Phalanx band den Feind frontal. Das war der Amboss. Alexander selbst führte die Gefährtenkavallerie auf dem rechten Flügel, die in Keilformation Schwachstellen in den gegnerischen Linien aufriss. Das war der Hammer. Er ritt direkt auf den feindlichen Befehlshaber zu.
Bei Issos und bei Gaugamela funktionierte das identisch: Dareios III. sah Alexander auf sich zukommen, verlor die Nerven, floh. Ohne ihren König brach die persische Armee zusammen. Zweimal derselbe Trick, zweimal dasselbe Ergebnis.
Was dieses System so überlegen machte: Alexander improvisierte. Gegen die Streitwagen bei Gaugamela befahl er seinen Truppen, eine Gasse zu öffnen und die Wagen durchrollen zu lassen. In Indien passte er seine Strategie an monsunartigen Regen und Kriegselefanten an. Kein Feldzug war wie der vorherige. Ein Lehrplan, den man an Militärakademien heute noch studiert.

Die Feldzüge
334 v. Chr. setzte Alexander nach Kleinasien über. Was als Befreiung der griechischen Küstenstädte begann, wurde zum Eroberungskrieg gegen das mächtigste Reich der Welt. Der erste Sieg am Fluss Granikos öffnete den Weg. Dann sicherte Alexander methodisch die Küsten, um der persischen Flotte ihre Häfen zu entziehen. Kein Seesieg, sondern ein Landfeldzug gegen eine Seemacht.
Die Belagerung von Tyros 332 v. Chr. gilt als Meisterstück antiker Ingenieurskunst. Die Stadt lag auf einer Insel und galt als uneinnehmbar. Alexander ließ einen Damm vom Festland bauen, brachte seine Belagerungsmaschinen heran und nahm Tyros nach sieben Monaten ein. In Ägypten ließ er sich zum Pharao krönen und gründete Alexandria an der Nilmündung. Die Stadt sollte über Jahrhunderte das intellektuelle Zentrum der Welt bleiben.

Dann kam Siwa. Die Priester des Orakels begrüßten Alexander als Sohn des Gottes Amun. Ob er es selbst glaubte, wissen wir nicht. Aber er nutzte es. Als Zeus-Amun-Sohn konnte er seinen Herrschaftsanspruch über griechische und ägyptische Kulturen gleichermaßen begründen. Wenn du göttliche Legitimation geschenkt bekommst, nimmst du sie mit.
Bei Gaugamela 331 v. Chr. fiel die Entscheidung. Trotz erdrückender Überzahl der Perser durchbrach Alexanders Kavallerie das Zentrum. Dareios floh erneut und wurde wenig später von seinem eigenen Satrapen Bessos ermordet. Alexander ließ den Leichnam seines Gegners mit königlichen Ehren bestatten und bestrafte Bessos wegen Hochverrats. Er stellte sich nicht als Zerstörer dar, sondern als legitimer Nachfolger.
Danach: Babylon, Susa, Persepolis. Die Zerstörung des Palastes von Persepolis wird oft als Racheakt für die persische Invasion Griechenlands gedeutet. Was auch immer die Motivation war. Die alte achämenidische Ordnung war unwiderruflich vorbei.
| Schlacht | Jahr | Gegner | Ergebnis |
|---|---|---|---|
| Granikos | 334 v. Chr. | Persische Satrapen | Sieg, Weg nach Kleinasien frei |
| Issos | 333 v. Chr. | Dareios III. | Sieg, Dareios flieht, Familie gefangen |
| Tyros (Belagerung) | 332 v. Chr. | Phönizische Garnison | Sieg nach 7 Monaten, Dammbau zur Insel |
| Gaugamela | 331 v. Chr. | Dareios III. | Sieg, Ende des Perserreichs |
| Hydaspes | 326 v. Chr. | König Poros (Indien) | Sieg, Poros bleibt als Vasall im Amt |
Zwischen 330 und 327 v. Chr. kämpfte Alexander in Baktrien und Sogdien, dem heutigen Afghanistan und Usbekistan. Hier half keine offene Feldschlacht mehr. Er führte Kleinkrieg gegen lokale Stämme, setzte auf Diplomatie und heiratete die baktrische Prinzessin Roxana. In der Schlacht am Hydaspes 326 v. Chr. besiegte er den indischen König Poros und beließ ihn als Vasall im Amt.
Am Fluss Hyphasis war Schluss. Seine Soldaten weigerten sich weiterzumarschieren. Nach Jahren des Kämpfens, Tausende Kilometer von zu Hause entfernt, wollten sie nicht ins Unbekannte. Alexander musste umkehren. Zum ersten und einzigen Mal in seinem Leben wurde er überstimmt.

Der Rückmarsch durch die Gedrosische Wüste im heutigen Pakistan wurde zur Katastrophe. Hitzeschlag, Wassermangel, Verluste, die höher waren als in mancher Schlacht. Zurück in Persien forcierte Alexander die kulturelle Verschmelzung. Bei der Massenhochzeit von Susa 324 v. Chr. ließ er makedonische Offiziere persische Adlige heiraten. Er integrierte persische Einheiten in seine Armee, übernahm persische Hofsitten. Die makedonischen Traditionalisten waren entsetzt. Es nützte ihnen nichts.
Was die Hellenisierung wirklich war
Alexander eroberte ein Reich. Aber sein eigentliches Vermächtnis war eine Idee: die Verschmelzung griechischer und orientalischer Kultur. Die Städte, die er gründete, über siebzig, wenn man den antiken Quellen glaubt, wurden zu Zentren des Wissens. Griechische Sprache wurde zur Lingua franca des östlichen Mittelmeerraums. Griechische Architektur, Philosophie, Wissenschaft, Medizin und Mathematik verbreiteten sich bis nach Zentralasien.
In der Region Gandhara, im heutigen Pakistan und Afghanistan, entstand etwas völlig Neues: buddhistische Kunst im griechischen Stil. Buddha wurde erstmals in der Kleidung griechischer Philosophen dargestellt. In Alexandria arbeiteten Gelehrte wie Euklid, Archimedes und Eratosthenes auf der Grundlage eines Weltbilds, das Alexanders Feldzüge überhaupt erst ermöglicht hatten. Sie hatten Zugang zu babylonischen und ägyptischen Archiven, die vorher verschlossen gewesen waren.
Das war die Hellenisierung. Kein Export von Kultur in eine Richtung, sondern ein Austausch, der beide Seiten veränderte. Griechische Soldaten übernahmen persische Kleidung, ägyptische Priester schrieben auf Griechisch, indische Künstler arbeiteten mit griechischen Formen. Drei Jahrhunderte lang prägte diese Mischkultur den gesamten Raum von Sizilien bis zum Hindukusch.

Woran starb Alexander der Große?
Alexander starb am 13. Juni 323 v. Chr. in Babylon. Er war 32 Jahre alt. Die Todesursache ist seit über zwei Jahrtausenden umstritten. Gift, Malaria, Typhus, Alkoholmissbrauch, Vergiftung durch Helleborus. Die Theorien sind zahlreich und keine davon abschließend bewiesen.
Eine interdisziplinäre Studie aus dem Jahr 2025 hat die antiken Berichte über seine letzten Tage neu bewertet, unter anderem mit KI-gestützter Symptomanalyse. Das Ergebnis: Alexander litt wahrscheinlich am Guillain-Barré-Syndrom, einer Autoimmunerkrankung, die das Nervensystem angreift und zu aufsteigender Lähmung führt. Ausgelöst möglicherweise durch eine Infektion mit Campylobacter jejuni, einem Darmbakterium.
Die Symptome passen: Anhaltendes Fieber, Bauchschmerzen, dann eine fortschreitende Lähmung, die beim Sprechen begann und schließlich die Atmung erfasste. Der Geist blieb bis zuletzt klar, während der Körper den Dienst versagte. Besonders aufschlussreich ist eine Überlieferung, die Historiker lange rätseln ließ: Alexanders Leichnam soll sechs Tage lang keine Zeichen der Verwesung gezeigt haben. Die Zeitgenossen deuteten das als Beweis seiner Göttlichkeit. Die nüchterne Erklärung: Er war möglicherweise noch gar nicht tot, sondern lag in einem Koma mit stark reduziertem Stoffwechsel. Ein Scheintod, den die Medizin der Antike nicht erkennen konnte.
Alexander hatte keinen klaren Erben benannt. Auf die Frage, wem er sein Reich hinterlasse, soll er geantwortet haben: »Dem Stärksten.«
Was folgte, waren die Diadochenkriege, ein jahrzehntelanger Machtkampf unter seinen Generälen. Das Reich zerbrach in drei große Nachfolgestaaten: die Ptolemäer in Ägypten, die Seleukiden in Syrien und Mesopotamien, die Antigoniden in Makedonien. Keiner von ihnen erreichte auch nur annähernd, was Alexander geschaffen hatte.
Wo ist Alexanders Grab?
Ptolemäus I. ließ Alexanders Leichnam nach Alexandria bringen und in einem Prachtmausoleum namens Soma bestatten. Römische Kaiser pilgerten dorthin. Augustus, Caligula, Caracalla. Dann verliert sich die Spur.
Seit über fünfzehn Jahren gräbt die griechische Archäologin Calliope Limneos-Papakosta im Herzen Alexandrias, mehr als zehn Meter unter dem modernen Stadtlevel. Ihr Team hat die ersten Straßen der antiken Stadt freigelegt und 2019 eine hellenistische Marmorstatue Alexanders gefunden. Ein Indiz, dass sie sich dem Soma nähern könnte.
Daneben gibt es wildere Theorien. Der Forscher Andrew Chugg glaubt, dass die Gebeine in der Markuskirche in Venedig in Wahrheit Alexander gehören. Venezianische Händler hätten sie 828 n. Chr. aus Alexandria entwendet, als sie angeblich die Reliquien des Heiligen Markus stahlen. Andere Forscher vermuten den Leichnam in der Oase Siwa oder in der östlichen Wüste Ägyptens.
Belastbare Beweise fehlen in allen Fällen. Man sucht trotzdem weiter. Seit zweitausend Jahren.
Vergina-Kontroverse: Auch bei den 1977 entdeckten Königsgräbern im makedonischen Vergina gibt es neue Entwicklungen. Eine Studie von 2025 im Journal of Archaeological Science stellt durch C14-Datierung und Isotopenanalysen in Frage, ob Grab I tatsächlich Philipp II. gehört. Die Knochen könnten zwanzig Jahre älter sein als sein Todesdatum. In Grab II wurden Objekte gefunden, die Alexander selbst zugeordnet werden. Die Debatte ist offen.

Was von Alexander bleibt
Die Bewertung hat sich verändert. Im 19. Jahrhundert war Alexander der idealisierte Zivilisator, der griechische Kultur in den barbarischen Osten trug. Nach 1945 kamen die Gegenstimmen. Historiker wie Ernst Badian und Peter Green betonten die Brutalität, die Megalomanie, die vernichteten Städte, die versklavten Bevölkerungen, die menschlichen Kosten. Heute ist das Bild nuancierter. Man sieht einen pragmatischen Machtpolitiker, der erkannte, dass ein so diverses Reich nur durch Integration zu halten war.
Im Februar 2026 identifizierte ein Team der Universität Konstanz am Jebel Khayyaber im heutigen Irak die Überreste von Alexandria am Tigris, einer Stadt, die Alexander 324 v. Chr. gründete. Geophysikalische Messungen zeigten ein organisiertes Netz aus Straßen, Kanälen und Wohnblocks von einer Größe, die mit Alexandria am Nil vergleichbar ist. Die Stadt, später als Charax Spasinou bekannt, florierte über 600 Jahre als Knotenpunkt zwischen Mesopotamien, Indien und China.
2.300 Jahre nach Alexanders Tod gräbt die Archäologie immer noch seine Städte aus.
Held oder Tyrann. Die Frage führt nicht weiter. Alexander war beides. Er zerstörte Theben und bewahrte Ägyptens Tempel. Er ließ einen Freund im Zorn töten und weinte danach tagelang. Er trieb seine Soldaten an die Grenzen der bekannten Welt und trug ihre Verwundeten selbst vom Schlachtfeld.
Die Widersprüche gehören zur Geschichte. Sie aufzulösen wäre billiger, als sie auszuhalten.
