
Sie wirken angestaubt und gestrig und sind es auch. Wer diese Begriffe nicht kennt, sei gewarnt. Es wird ausgesprochen seltsam.
Die Tiefe und Vielfalt akademischer Begrifflichkeiten ist nahezu unerschöpflich, besonders bei den Wörtern mit einem Hauch von Antiquität. Hier ist eine weitere Auswahl seltener Begriffe, die in akademischen und intellektuellen Diskursen ihren Platz finden könnten.
Das ist eine Wunderkammer der Sprache ganz eigener Art, ein Raritätenkabinett schwieriger und ungewöhnlicher Wörter.
Woher das alte Akademikerdeutsch kommt
Der Unterschied zwischen altem und neuem Akademikerdeutsch ist im Kern ein zeitlicher. Sprache entwickelt sich, die Kommunikationskultur an den Universitäten ebenso. Wer heute in einer Fachzeitschrift publiziert, schreibt anders als ein Jurist des 19. Jahrhunderts; das Vokabular ist schmaler geworden, dafür internationaler. Verwandt, aber nicht dasselbe, ist der Unijargon des Studienalltags, der lebt und sich ständig erneuert.
Altes Akademikerdeutsch bezeichnet die historisch gewachsene Fachsprache deutscher Universitäten und Gerichte, geprägt von lateinischen und griechischen Lehnwörtern. Viele dieser Begriffe sind heute nur noch in Rechtsgeschichte, Philosophie und Editionswissenschaft gebräuchlich. Von der allgemeinen Bildungssprache unterscheidet sie sich durch ihren engen fachlichen Anwendungsbereich.
Besonders im juristischen Bereich hält sich der alte Wortschatz hartnäckig. Archaische Begriffe, meist aus dem Lateinischen, überleben in Kommentaren und Urteilsbegründungen, weil die Auslegung historischer Texte sie braucht. Wer lateinische Phrasen in eigenen Texten verwendet, bewegt sich am Rand desselben Reservats.
Altes Akademikerdeutsch ist keine gehobene Alltagssprache, sondern eine Fachsprache mit Geschichte. Sie setzt voraus, dass man die Tradition kennt, in der sie steht. Das macht sie für Außenstehende schwer zugänglich und für Eingeweihte umso präziser. Ein Wort wie Nullum spart im richtigen Kontext einen ganzen Nebensatz, ganz ähnlich wie die akademischen Abkürzungen in Fußnoten Platz sparen.
Altes Akademikerdeutsch und weitere Raritäten
Begriffe und Bezeichnungen, nicht wenig skurril, aber höchst gebildet. Dazu habe ich ergänzende Wörter gesammelt. Herausgekommen ist diese Wörterwunderkammer. Wer es eine Etage tiefer und alltagstauglicher mag, findet bei den 69 seltenen Wörtern der Bildungssprache das mildere Sortiment.
Vollständig ist die Liste nicht. Das ist auch nicht der Punkt.
- Nullum. Abgeleitet vom lateinischen nullus, was »gar kein« bedeutet. Bezeichnet etwas Nichtiges oder Nichtexistentes und findet vor allem im juristischen Kontext Anwendung, aber auch anderswo. Ein juristisches Nullum ist ein Tatbestand ohne Rechtswirkung, weil er nicht existiert oder seine Gültigkeit verloren hat.
- Faktum. Verweist auf eine Tatsache oder Gegebenheit. Im akademischen Diskurs beschreibt es objektiv nachprüfbare Sachverhalte.
- Breviloquenz (Die Kunst, sich kurz und prägnant auszudrücken. Ein Wort, das selbst nicht danach klingt)
- Desideratum. Plural Desiderata. Bezeichnet einen Mangel oder ein Fehlen, oft im Sinne eines noch unerfüllten Forschungsbedarfs oder einer offenen Frage, die der Klärung bedarf.
- Bifurkation (Verzweigung, insbesondere in der Mathematik und Physik)
- Repositorium (Digitales Archiv einer Hochschule oder Fachgesellschaft, in dem Forschungsdaten und Publikationen gesammelt, verwaltet und öffentlich zugänglich gemacht werden)
- Circumloquium (Umschreibung, besonders in der Rhetorik)
- Debellation (Befriedung oder Unterwerfung, insbesondere im militärischen oder politischen Kontext)
- Effluvium (Ausströmung oder Emanation, besonders von Gerüchen oder Dämpfen)
- Faktizität (Gegebenheit oder Tatsächlichkeit einer Sache)
- Gubernation (Leitung oder Steuerung, besonders in der Politik)
- Heterodoxie (Abweichung von der anerkannten Lehre oder Meinung)
- Ineffabil (Unaussprechlich, was sich der Beschreibung entzieht)
- Präjudiz. Ein bereits gefälltes Gerichtsurteil, das in ähnlichen Fällen als Richtschnur dienen kann, jedoch nicht die bindende Wirkung eines Präzedenzfalls im angelsächsischen Rechtssystem hat. Auch allgemein für eine vorgefasste Meinung oder ein Vorurteil.
- Parsimonie (Sparsamkeit, insbesondere in wissenschaftlichen Erklärungen)
- Reifikation (Verdinglichung, besonders von abstrakten Begriffen)
- Syllogismus (Schlussfolgerung, eine Form der Deduktion in der Logik)
- Usurpation (Anmaßung oder unrechtmäßige Aneignung, besonders von Macht oder Eigentum)
- Vitiation (Verderbung oder Entwertung, besonders von Rechtsgültigkeit)
- Xenologie (Wissenschaft vom Fremden, insbesondere von außerirdischen Zivilisationen)
- Ypsilonismus (Übermäßige oder falsche Verwendung des Buchstabens Y)
- Zetetik (Forschung oder Untersuchung, besonders in der Philosophie)
- Bibliomantie (Wahrsagung durch zufälliges Aufschlagen von Büchern)
- Diaphan (Durchscheinend, besonders in der Beschreibung von Materialien oder Ideen)
- Filiation (Abstammung oder genealogische Abfolge, insbesondere in der Rechtswissenschaft)
- Gnoseologie (Erkenntnistheorie, die Lehre vom Wissen und Erkennen)
- Heuristik (Methodik zur Lösungsfindung, die zum Entdecken neuer Erkenntnisse führt)
- Inkunabel (Frühdruck, ein Buch oder eine Schrift aus der Frühzeit des Buchdrucks, gedruckt vor 1501)
- Juxtaposition (Nebeneinanderstellung, besonders von Ideen oder Kunstwerken zur Betonung von Kontrasten)
- Kakophonie (Missklang, insbesondere in der Musik oder in der sprachlichen Gestaltung)
- Noetik (Teilgebiet der Philosophie, das sich mit dem Verstand und dem Denken befasst)
- Pneumatik (Lehre vom Geistigen, insbesondere in theologischen und philosophischen Kontexten)
- Quixotismus (Unpraktischer Idealismus, inspiriert von der Figur Don Quixote)
- Sophismus (Scheinargumentation, die durchaus überzeugend wirkt, aber logischen Fehlschlüssen folgt)
- Teleologie (Lehre von den Zweckursachen, insbesondere in der Philosophie der Natur)
- Vexierbild (Bild, das aufgrund seiner mehrdeutigen Darstellung zu unterschiedlichen Interpretationen einlädt)
- Juvenilia (Frühwerke eines Autors, oft in jungen Jahren verfasst)
- Kolophon (Schlussnote in einem Buch, gibt Auskunft über Herkunft, Drucker und Datum; wird auch im WWW heute noch manchmal verwendet)
- Marginalien (Randbemerkungen in einem Buch, oft von früheren Besitzern hinzugefügt)
- Akkordanz (Übereinstimmung von Gesetzestexten oder Rechtsprinzipien)
- Devolution (Übergang von Rechten oder Pflichten auf eine andere Partei)
- Interzession (Eintreten oder Fürsprache für eine andere Person, insbesondere im Rechtswesen)
- Jurisdiktion (Rechtsprechungsbefugnis, sowohl örtlich als auch sachlich)
- Konkordat (Vertrag zwischen dem Heiligen Stuhl und einem Staat über kirchliche Angelegenheiten. Verwandtes Vokabular steht bei den Fremdwörtern der christlichen Kirche)
- Adiaphoron (Etwas, das moralisch neutral ist, weil es weder geboten noch verboten ist)
- Demiurg (In platonischen Philosophien ein Handwerker oder Schöpfer des Universums)
- Enigmatik (Die Kunst oder Wissenschaft, Rätsel zu erstellen und zu lösen)
- Gnomonik (Die Kunst, Sonnenuhren zu erstellen und zu verstehen)
- Hierophant (Ein Priester oder Eingeweihter, der heilige Mysterien offenbart)
- Katabasis (Abstieg, insbesondere der Gang eines Helden in die Unterwelt in der Mythologie; das Gegenteil von Anabasis)
- Liminalität (Die Qualität des Zwischenzustandes oder der Schwelle, besonders in Ritualen und Übergangsriten)
- Nepenthe (Ein mythologischer Trank, der Kummer und Sorgen vergessen lässt)
- Omphalos (Nabelstein, ein antikes religiöses Symbol, das den Mittelpunkt der Welt markiert)
- Palingenese (Wiedergeburt oder Wiedererschaffung, insbesondere in philosophischen oder spirituellen Kontexten)
- Rescriptum (Eine schriftliche Antwort, besonders von einem römischen Kaiser oder späteren Autoritäten, auf eine rechtliche Anfrage)
- Scholastik (Mittelalterliche Philosophie, die sich durch logische Analyse und Disputation auszeichnet)
- Thaumaturgie (Die Fähigkeit, Wunder zu wirken, insbesondere durch magische oder religiöse Praktiken)
- Uchronie (Eine fiktive oder hypothetische Zeitleiste, die von der tatsächlichen Geschichte abweicht)
- Ylem (Hypothetische Urmaterie, aus der das Universum entstanden sein soll. Ein Begriff aus der frühen Urknallforschung, heute überholt)
- Zetesis (Suche oder Untersuchung, insbesondere in philosophischen Kontexten)
- Zedent (Person, die eine Forderung oder ein Recht an eine andere Person abtritt)
Was ist der Unterschied zur Bildungssprache?
Bildungssprachliche Ausdrücke sind weiter verbreitet und zielen auf Präzision und Klarheit, ohne dabei auf veraltete oder fachspezifische Termini zurückzugreifen. Altes Akademikerdeutsch verortet sich stärker in der Tradition der juristischen und akademischen Fachsprache. Seine Präzision erkauft es sich mit einem sehr kleinen Publikum.
Wer solche Wörter im Alltag verwendet, wirkt womöglich weniger gebildet als bemüht. Im richtigen Kontext dagegen ersparen sie eine Menge Erklärung. Wer den Unterschied trainieren will, findet Vorschläge unter den Büchern, die die Bildungssprache trainieren, und praktische Regeln beim gezielten Einsatz von Fremdwörtern. Auch die Sprüche über Bildung und Wissen passen zum Thema.
Sammeln darf man sie trotzdem. Ein Raritätenkabinett muss nicht nützlich sein.